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| Semester | Herbstsemester 2026 |
| Angebotsmuster | Jedes 2. Herbstsem. |
| Dozierende | Luca Preite (luca.preite@unibas.ch, BeurteilerIn) |
| Inhalt | Wenn die Kategorie der ‚sozialen Klasse‘ in Analysen der Reproduktion von Bildungsungleichheit nie gänzlich verschwunden war, so gewinnt sie mit dem Aufkommen und Erstarken des literarischen Genres der Autosoziografie auch in der Erziehungswissenschaft wieder an Bedeutung. Autor:innen wie Annie Ernaux, Édouard Louis, Daniela Dröscher, Didier Eribon und vielen mehr gelingt es, ihre Werdegänge als Bildungsaufstieg und Klassenverrat zugleich literarisch zu verarbeiten und so über den Einzelfall hinaus relevant werden zu lassen. In bildungssoziologischer und erkenntnistheoretischer Perspektive beziehen sich diese Autor:innen in ihren Schilderungen und Analysen der eigenen Werdegänge stark auf die Überlegungen und Konzepte von Pierre Bourdieu. In literarischer Form werden dabei Bezüge zum Konzept des sozialen Raumes, der Klassenreproduktion, des Habitus sowie der Praxis- und Feldtheorie hergestellt. Im Seminar versuchen wir, diese Bezüge zwischen den soziologischen Konzepten von Pierre Bourdieu und den zuvor angedeuteten Autosoziografien zu rekonstruieren. Neben der Frage nach dem erkenntnistheoretischen Mehrwert des Genres der Autosoziografie im Rahmen der Analyse von Ungleichheitsverhältnissen gegenüber empirisch-positivistischen bildungswissenschaftlichen Ansätzen liegt der Fokus des Seminars stets auch auf der Eruierung eher verborgener bzw. verdeckter Analysedimensionen des Bildungsaufstiegs. Während der Bildungsaufstieg gesellschaftlich durchgängig positiv konnotiert bzw. normiert wird, scheint auch in der bildungswissenschaftlichen Analyse der Reproduktion von Bildungsungleichheit oftmals in Vergessenheit zu geraten, wie dieser Prozess aus subjektiver Perspektive für Involvierte mehr bedeutet als bloßer ‚Aufstieg‘. Das literarische bzw. bildungssoziologische Konzept des Klassenverrats bzw. der Klassenflucht (transfuge de classe) öffnet hierzu eine Vielzahl von Analysedimensionen, die es eventuell auch erlauben, auf Schattenseiten des Aufstiegs aufmerksam zu machen, ohne umgekehrt Bildungsungleichheiten zu legitimieren. Nicht zuletzt stellt sich in einer kritischen erziehungswissenschaftlichen Perspektivierung von Autosoziografien die Frage, ob neben diesen eher etablierten und „weißen“ literarischen Texten nicht auch postmigrantische literarische und künstlerische Artikulationen schon seit jeher als Teil dieses Genres verstanden werden können. Denken wir etwa an Toxische Pommes (‚Ein schönes Ausländerkind‘), an Aydemir und Yaghoobifarah (‚Eure Heimat ist unser Albtraum‘) oder an Haftbefehl und seine Rap-Musik. (Post-)migrantische Akteur:innen verhandeln darin nicht erst seit gestern Erfahrungen blockierten Aufstiegs, bleiben jedoch in der Genese des Genres meist unberücksichtigt – ein Hinweis darauf, wie sowohl kulturelle als auch wissenschaftliche Felder stets selbst Gegenstand von Aushandlungen und Differenzherstellungen in gesellschaftlichen Macht- und Ungleichheitsverhältnissen sind. |
| Lernziele | Studierenden kennen und verstehen bildungssoziologische Konzepte von Pierre Bourdieu und können diese Konzepte bezogen auf die Analyse der Reproduktion von Bildungsungleichheiten am Beispiel ausgewählter Autosoziografien anwenden. |
| Literatur | Blome, E., Lammers, P. & Seidel, S. (Hrsg.). (2022). Autosoziobiographie. Poetik und Politik. J. B. Metzler. Böder, T. & Karabulut, A. (2018). „Haftbefehl hat konkret irgendwie einiges für uns geändert“: Gangsta-Rap als Intervention in Repräsentationsverhältnisse. In: Seeliger M. & Dietrich M. (Hrsg.), Deutscher Gangsta-Rap II: Popkultur als Kampf um Anerkennung und Integration (S. 267-286): transcript Verlag. Jurt, J. (2024). Die literarische Tradition der transfuges de classe in Frankreich. Lendemains – Études comparées sur la France / Vergleichende Frankreichforschung, 48(189), 27–45. Petrik, F., Preite, L., Jurt, J. & Zhou, L. (2025). Mit Édouard Louis die Widersprüche des Aufstiegs erkunden: Autosoziobiografische Perspektiven. ZSE – Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation, 45(3). Petrik, F. (2022). Auf Klassenfahrt. Überlegungen zu Scham und Bildungsaufstieg. Empirische Pädagogik, 36(4), 483–498. Preite, L. (2016). «Mir sagt man, ich sei diskriminiert, nicht integriert; und dennoch spreche ich so, als hätte ich Germanistik studiert.» «Uslender Production» als Kulturerzeugnis von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Swiss Journal of Sociology, 42(2), 381-395. Ruff, M.-B. & Petrik, F. (2024). Die leise Macht der Scham: Rassismus, soziale Klasse und die (Re-)Produktion sozialer Ungleichheit. Journal für Psychologie, 32(1), 10–30. Rieger-Ladich, M. (2020). Bildung und Beschämung. Eine Lektüre von Annie Ernaux' »Der Platz«. Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes, 67(1), 70–78. Sievers, W. (2024). Postmigrantische Literaturgeschichte: Von der Ausgrenzung bis zum Kampf um gesellschaftliche Veränderung. Bielefeld: transcript Verlag. |
| Weblink | https://bildungswissenschaften.unibas.ch |
| Teilnahmevoraussetzungen | BA-Abschluss. Immatrikuliert im Masterstudiengang Educational Sciences oder Fachdidaktik. Studierende anderer Studiengänge wenden sich bei Interesse bitte zuerst an die Dozierenden. |
| Unterrichtssprache | Deutsch |
| Einsatz digitaler Medien | kein spezifischer Einsatz |
| Intervall | Wochentag | Zeit | Raum |
|---|---|---|---|
| 14-täglich | Mittwoch | 16.15-17.45 | Kollegienhaus, Seminarraum 210 |
| Datum | Zeit | Raum |
|---|---|---|
| Mittwoch 16.09.2026 | 16.15-17.45 Uhr | Kollegienhaus, Seminarraum 210 |
| Mittwoch 30.09.2026 | 16.15-17.45 Uhr | Kollegienhaus, Seminarraum 210 |
| Mittwoch 14.10.2026 | 16.15-17.45 Uhr | Kollegienhaus, Seminarraum 210 |
| Mittwoch 28.10.2026 | 16.15-17.45 Uhr | Kollegienhaus, Seminarraum 210 |
| Mittwoch 11.11.2026 | 16.15-17.45 Uhr | Kollegienhaus, Seminarraum 210 |
| Mittwoch 25.11.2026 | 16.15-17.45 Uhr | Kollegienhaus, Seminarraum 210 |
| Mittwoch 09.12.2026 | 16.15-17.45 Uhr | Kollegienhaus, Seminarraum 210 |
| Module |
Modul: Bildungs- und Erziehungsphilosophie (Masterstudium: Educational Sciences) |
| Prüfung | Lehrveranst.-begleitend |
| Hinweise zur Prüfung | Ein mündlicher oder schriftlicher Seminarbeitrag als Einzel- oder Gruppenarbeit zu einem Wahlthema. - Anwesenheit (80%) - aktive Teilnahme an der Lehrveranstaltung (Vorbereitungstexte sind gelesen, Auf- und Nachbereitungsarbeiten erledigt) - Mündliche Präsentation (Referat) oder schriftliche Arbeit (Paper) |
| An-/Abmeldung zur Prüfung | Anm.: Belegen Lehrveranstaltung; Abm.: stornieren |
| Wiederholungsprüfung | keine Wiederholungsprüfung |
| Skala | Pass / Fail |
| Belegen bei Nichtbestehen | beliebig wiederholbar |
| Zuständige Fakultät | Institut für Bildungswissenschaften, bildungswissenschaften@unibas.ch |
| Anbietende Organisationseinheit | Institut für Bildungswissenschaften |