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79080-01 - Seminar: Staatliche Herrschaft und Alltagswiderstand: Marxistische Perspektiven auf Ordnung und Regelbruch (3 CP)

Semester spring semester 2026
Course frequency Once only
Lecturers Johannes Truffer (johannes.truffer@unibas.ch, Assessor)
Content Das Seminar untersucht den modernen Staat nicht primär als abstraktes, juristisches Gefüge, sondern als historisch gewachsene Herrschaftsordnung, die bis in die feinsten Verästelungen alltäglicher Lebensformen auswirkt und hierbei stets zugleich Gehorsam als auch Widerstand hervorruft. Im ersten Teil des Seminars werden marxistische Perspektiven auf den Staat entwickelt, die staatliche Macht nicht als neutrales Instrument zur Durchsetzung demokratischer Entscheide, sondern als spezifische Form gesellschaftlicher Herrschaft begreifen. Der Staat erscheint hier zugleich als Ergebnis sozialer Ungleichheiten, als verdichtete Struktur gesellschaftlicher Machtverhältnisse sowie als zentrale Instanz kapitalistischer Herrschaftssicherung. Ziel dieses Teils ist es, ein analytisches Verständnis des Staates zu gewinnen, das über juristische oder normative Begriffe hinausgeht und staatliche Herrschaft als Teil kapitalistischer Reproduktionsprozesse begreift.

Der zweite Teil verschiebt den Fokus auf die gesellschaftliche Wirksamkeit staatlicher Ordnung. Zunächst wird mit Louis Althussers Konzept der ideologischen Staatsapparate und Pierre Bourdieus Vorlesungen zum Staat wird Staatlichkeit als zugleich fiktives und generatives Prinzip sozial anerkannter Wirklichkeit verstanden, der Kategorien und Klassifikationen hervorbringt, die sich gegen konkurrierende Konzeptionen durchsetzen und die soziale Ordnung so als legitim und natürlich erscheinen lassen.

Im dritten Teil steht der Alltagswiderstand gegen diese institutionell hervorgebrachte soziale Wirklichkeit im Zentrum. Zunächst wird mithilfe Robert Mertons Analyse der Alltäglichkeit von Devianz der Gesetzesbruch nicht als Ausnahme oder kriminelles Randphänomen verstanden, sondern als strukturell hervorgerufene und sozial situierte Reaktion auf institutionelle Anforderungen. Anhand von Konzepten alltäglicher Widerstandspraktiken wird untersucht, wie sich oppositionelle Haltungen und Handlungen jenseits organisierter Protestformen entwickeln und stabilisieren. Dabei geht es nicht um Widerstand als moralisch eindeutige Kategorie, sondern um seine Ambivalenz: Aus alltäglicher Nicht-Einhaltung von institutionellen Erwartungen und den Bruch von Gesetzen können sowohl emanzipatorische als auch reaktionäre politische Bewegungen hervorgehen. Zum Abschluss des Seminars wird diese Perspektive auf gegenwärtige Konflikte angewendet, indem die Corona-Protestbewegung als Fallbeispiel dient, um das Zusammenspiel von staatlicher Herrschaft, Normalität des Regelbruchs und der Transformation von Alltagswiderstand in soziale Bewegungen zu reflektieren.
Learning objectives - Verschiedene (marxistische) Konzeptionen des Staates kennenlernen
- Nicht-mobilisierte, alltägliche Formen des Widerstands gegen staatliche Herrschaft kennenlernen
- Präsentationskompetenz erwerben
- Schreibkompetenz erwerben
Bibliography Althusser, Louis.1971. “Ideology and Ideological State Apparatuses (Notes towards an Investigation).” In Lenin and Philosophy and Other Essays, translated by Ben Brewster, 127–186. New York: Monthly Review Press.
Amlinger, Carolin. 2014. «Ideologie als imaginäres Verhältnis in materieller Instanz oder: Wahrheit als »Struktur der Strukturen« (Althusser)», in: Die verkehrte Wahrheit: Zum Verhältnis von Ideologie und Wahrheit bei Marx/Engels, Lukacs, Adorno/Horkheimer, Althusser und Žižek, Laika Verlag: Hamburg. S. 105-132.
Barrow, Clyde W. 1993. Critical Theories of the State: Marxist, Neo-Marxist, Post-Marxist. Wisconsin: University Press
Bourdieu, Pierre. 2017. Über den Staat: Vorlesungen am Collège de France 1989-1992. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Eckert, Julia. 2015. «Practice Movements: Politics of Non-Sovereign Power», in: della Porta, D. und Mario Diani (Hrsg.) The Oxford Handbook of Social Movements, Oxford: Academic. S. 567-577.
Engels, Friedrich. 1884. Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats. Im Anschluss an Lewis H. Morgans Forschungen. Entstanden März bis Mai 1884. Erstdruck: Hottingen/Zürich 1884. Ausschnitte.
Gambetta, Diego. 2009. Codes of the Underworld. How Criminals Communicate. Princeton: University Press.
Hall, Stuart. 2000. «Nicos Poulantzas: State, Power Socialism», in: Poulantzas, N. State, Power, Socialism. London: Verso. S. vii-xviii.
Marx, Karl. 1961. «The State and the Law», in: Selected Writings in Sociology and Social Philosophy. ed. by T. B. Bottomore and Maximilien Rubel. Harmondsworth: Penguin Books. S. 221-235.
Marx, Karl. 1963. The Eighteenth Brumaire of Louis Bonaparte. New York: International Publishers.
Merton, Robert K. 1995. «Sozialstruktur und Anomie», in: Soziologische Theorie und soziale Struktur. Berlin/New York: De Gruyter. S. 127-154.
Offe, Claus. 1974. “Structural Problems of the Capitalist State: Class Rule and the Political System, on the Selectiveness of Political Institutions.” German Political Studies 1, S. 31–54.
Scott, J. C. 1987. Resistance without Protest and without Organization. Peasant Opposition to the Islamic Zakat and the Christian Tithe. Comparative Studies in Society and History 29(3), 417-452.
Scott, J. C. 1989. Everyday Forms of Resistance. Copenhagen Papers in East and Southeast Asian Studies 4. S. 33-62.
Wagner, Peter. 2022. «Was wäre verdeckter Widerstand in einer Demokratie?», in: Poppinga, A. und F. Sutterlüty (Hrsg.): Verdeckter Widerstand in demokratischen Gesellschaften. Frankfurt a.M.: Campus. S. 137-154.

 

Admission requirements Grundkenntnisse marxistischer Theorie oder Bereitschaft, diese aufzuarbeiten. Das Seminar richtet sich an Studierende der Soziologie, die sich in einem fortgeschrittenen Semester des Bachelors (oder sogar Master) befinden. Damit die Materie konstruktiv bearbeitet werden kann, wird die Obergrenze der Studierenden bei 15-20 liegen. An der ersten Sitzung wird die definitive Zulassung zum Seminar vorgenommen. Falls eine Überbelegung vorliegt, werden kumulativ folgende zwei Kriterien angewendet, um Studierende zum Seminar zuzulassen:
- Soziologiestudierende werden bei der Zulassung bevorzugt
- BA-Studierende ab dem 3. Semester werden bei der Zulassung bevorzugt
Course application Die Teilnahme an der ersten Sitzung ist verpflichtend für die Belegung des Seminars.
Language of instruction German
Use of digital media No specific media used

 

Interval Weekday Time Room
wöchentlich Tuesday 10.15-12.00 Soziologie, Hörsaal 215

Dates

Date Time Room
Tuesday 17.02.2026 10.15-12.00 Soziologie, Hörsaal 215
Tuesday 24.02.2026 10.15-12.00 Fasnachtswoche
Tuesday 03.03.2026 10.15-12.00 Soziologie, Hörsaal 215
Tuesday 10.03.2026 10.15-12.00 Soziologie, Hörsaal 215
Tuesday 17.03.2026 10.15-12.00 Soziologie, Hörsaal 215
Tuesday 24.03.2026 10.15-12.00 Soziologie, Hörsaal 215
Tuesday 31.03.2026 10.15-12.00 Soziologie, Hörsaal 215
Tuesday 07.04.2026 10.15-12.00 Soziologie, Hörsaal 215
Tuesday 14.04.2026 10.15-12.00 Soziologie, Hörsaal 215
Tuesday 21.04.2026 10.15-12.00 Soziologie, Hörsaal 215
Tuesday 28.04.2026 10.15-12.00 Soziologie, Hörsaal 215
Tuesday 05.05.2026 10.15-12.00 Soziologie, Hörsaal 215
Tuesday 12.05.2026 10.15-12.00 Soziologie, Hörsaal 215
Tuesday 19.05.2026 10.15-12.00 Soziologie, Hörsaal 215
Tuesday 26.05.2026 10.15-12.00 Soziologie, Hörsaal 215
Modules Modul: Erweiterung Gesellschaftswissenschaften B.A. (Bachelor's degree subject: Political Science)
Modul: Soziologische Theorie BA (Bachelor's degree subject: Sociology)
Assessment format continuous assessment
Assessment details - Aktive Teilnahme mit nicht mehr als zwei Absenzen
- Blogposts zu jedem zweiten Text
- Zwei kurze Expert:innen-Inputs zu den gelesenen Texten
- Abschlussessay zu einem selbstgewählten Thema verfassen und einen Essay eine:r Kommiliton:in reviewen
Assessment registration/deregistration Reg.: course registration; dereg.: not required
Repeat examination no repeat examination
Scale Pass / Fail
Repeated registration no repetition
Responsible faculty Faculty of Humanities and Social Sciences, studadmin-philhist@unibas.ch
Offered by Fachbereich Soziologie

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